ST. PETERSBURG – MOSKAU

Der für das Reise angeschaffte Geländewagen „Patriot“ wurde in der staatlichen Meldestelle registriert. Die Autonummer wird von einem Computer nach dem Zufallsprinzip vergeben. Unser Fahrzeug erhielt die Nummer T829 AK. „T“ kann man als Abkürzung für „Tysjatscha“ bzw. „Tausend“ lesen. Damit ergibt sich Tausend 829, das ist das Jahr der Russlandreise Alexanders von Humboldt. Natürlich ist das ein Zufall, aber eben ein seltsamer. Wir hoffen, dass uns das Nummernschild Glück bringt.

23. August

Der Direktor des Goethe-Instituts in St. Petersburg, Dr. Günther Hasenkamp, ein sympathischer hochgewachsener Mann, hat unseren Besuch in der Kunstkammer organisiert, wo wir mit der Kustodin Natalia Pawlowna Kopanjowa für ein Foto vor dem riesigen Gottorpschen Globus posierten. 

24. August

Erkundungsfahrt in die Umgebung St. Petersburgs. Frank interessiert sich für die Übergangszone zwischen Stadt und Land, und ich – für die Wanne im Park von Babolowo. Wir werden begleitet von Michail Drusin, der im St. Petersburger Institut der Geschichte der Akademie der Wissenschaften arbeitet. Er interessiert sich für unsere Reise, und er hat uns mit Kontakten in verschiedenen Städten unserer Reiserute unterstützt.

In der Stadt Puschkin, im Babolower Park gibt es eine rätselhafte steinerene Badewanne, die aus einem Granit-Monolithen hergestellt wurde und fast fünfzig Tonnen wiegt. Wer hat sie wann hergestellt, und wozu? Woher stammt sie, und wie wurde sie hergebracht? Nach einigen Tagen teilte uns Mischa mit, er habe im Archiv eine Akte mit Dokumenten zu dem Gebäude gefunden, in dem die Wanne steht. Vielleicht gelingt es ihm, Antworten auf diese Fragen zu finden.

Die nächste interessante Frage sind die monumentalen Schriftzüge „LENINGRAD“, die zu verschiedenen Zeiten an den Stadtgrenzen aufgestellt wurden. Frank sah ein solches Zeichen im Jahr 1989, als er zum ersten Mal nach Leningrad kam; und er möchte gern ein Foto unseres Autos eben an diesem Schriftzug aufnehmen. Das wäre, ebenso wie das Foto mit dem Globus, eine symbolisches Initiation unserer Reise. Das Zeichen, das Frank bei seiner ersten Reise sah, konnten wir nicht finden. Auf wir entdeckten ein anderes ähnliches, das vor einigen Jahren restauriert wurde, und das im Landkreis Kolpino bei der Bahnstation Ishora steht. Zu ihm führt nur ein Fußgängerweg; aber Bahnhofvorsteherin, der wir unsere Geschichte erzählten, erlaubte uns mit dem Auto hinzufahren, so dass wir uns mit dem „Patriot“ bei dem Schriftzug „Leningrad“ fotografieren konnten.

25. August

Der erste Tag unserer Reise. Vom Heumarkt (Sennaja Plostschad), wo Frank nach der Anreise wohnte, fuhren wir gerade nach Süden auf dem Stadt-Meridian, dem Moskauer Prospekt, der in die Pulkowoer-Chaussee übergeht. Dann bogen wir auf die Kiewer Chaussee ab, Richtung Gattschina.

Die Hauptstraßen, ebenso wie einige Nebenstraßen, sind in sehr gutem Zustand. Längs der Landstraße sieht man häufig die abgestellten Wagen der Pilzesammler. Einige von ihnen verkaufen ihre Beute direkt am Straßenrand. In den Dörfern werden an der Straße Äpfel, Pflaumen, Birnen, Kartoffeln, Kohl u.a. angeboten. An den großen Straßen haben die Händler Verkaufsstände aufgebaut, auf denen sie Gläser mit Honig, getrockneten und marinierten Pilzen, anbieten und mit  Moltebeeren, Preiselbeeeren und anderen Sumpf- und Waldbeeren.

Von Luga in Richtung Nowgorod Weliki führt die Straße durch die Wälder, manche Abschnitte kerzengerade über viele viele Kilometer. Kurz vor Nowgorod, bogen wir auf eine Seitenstraße ab, die zum riesigen Ilmensee führt, dessen Wasserfläche fast 1000 Quadratkilometer beträgt. Durch die hübschen Dörfer am Ilmensee mit ihren bunt bemalten Häusern und ordentlichen Gartenzäunen führt eine frisch asphaltierte Straße. Obwohl schon Ende August ist, gibt es noch viele Blumen.  In den Ortschaften stehen viele alte Weiden, die mit ihren Kronen schöne Gruppen im geheimnisvollen Abendlicht bilden.

Wir übernachten am Ufer des Ilmensees bei dem Dorf Kurizko, den Weg haben uns die Einheimischen gezeigt. Außer uns haben sich Leute mit einem Auto zur Übernachtung niedergelassen; wir entfernen uns einen halben Kilometer. Sonst ist hier niemand.

Die ganze Nacht wehte der Wind vom See her und schaukelte das schwere Auto mit dem Dachzelt in kräftigen, doch weichen Stößen, wie eine Kinderwiege.

Das Seeufer ist an dieser Stelle flach, sandig, stellenweise verschlammt. Größtenteils unberührt von Reifen- oder Hufspuren. Überall wächst Wiesengras, dessen weiche Oberfläche der Wind streichelt. Im flachen Wasser gibt es viele Schneckenkolonien. Am Ufer knacken die alten Schneckenhäuser unter den Füßen, sogar weit von der Uferlinie entfernt. Das Wasser im See ist sauber, mit einem Schaumstreifen am Rand.

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