ST. PETERSBURG – MOSKAU II

26. August

An der Straße, die um den Ilmensee herumführt, gibt es eine kleines Dorf namens Lipizy. Die einzige Sehenswürdigkeit ist die Grabstätte für die Bewohner, die im Jahr 1941 umkamen. Auf ihr steht die Betonstatue eines Soldaten. „Hier liegen unsere Väter, die wir nie zu Gesicht bekommen haben“, – sagte mir Ljubow Alexejewna Gorbatschowa. Sie war zwei Jahre alt, als die Deutschen die Mutter und den Großvater für die Zwangsarbeit mitnahmen. Die kleine Ljuba wurde von der Mutter mitgenommen. Sie wurden über Litauen nach Norwegen gebracht. Hier starb der Großvater. Sie wurden weiter ans Ziel verschleppt, von wo sie erst 1945 zurückkehren konnten.

Von Lipizy nach Weliki Nowgorod ist es eine halbe Stunde Fahrt. Wir hatten uns mit Staatsbeamten für Porträtfotos verabredet.

Der anstrengende Tag hatte unsere Kräfte aufgebraucht. Wir übernachteten unweit von Nowgorod, am Kanalufer, bei den Hellingen. Bei den alten dicken Weiden war feucht, aber windstill und ruhig. Nur ein unruhiger Hunde bellte irgendwo in der Dunkelheit.

27. August

Waldaj. Foto: Frank Gaudlitz
Waldaj
Foto: Frank Gaudlitz

Es geht weiter auf der Fernstraße M10. Vor uns liegt das Städtchen Waldai. Waldai ist nicht der Altai, obwohl es auf einer kleinen Anhöhe liegt und es dort einige Hügel gibt. Auf einem davon, dem so genannten Popen-Hügel, der als die höchste Erhebung der Gegend gilt, war seinerzeit Humboldt. Es war bedeckt. Leichter Regen nieselte mit kleinen Pausen auf uns herunter.

Irgendwie ist die Lebenskraft verschwunden, die die Stadt noch vor dreißig Jahren erfüllte.In Waldai gibt es viele leerstehende Häuser, aus Holz und aus Stein, unterschiedlichen Alters. Auf unserem kurzen Weg sahen wir fünf ausgebrannte Gebäude.

Man erkennt frische Triebe wirtschaftlichen Lebens, aber keine üppige Vegetation.

Die lokale Verwaltung möchte Waldai und Umgebung zu einem touristischen Ziel machen. Ein Nationalpark wurde begründet, und an der Infrastruktur wird gearbeitet. Im Stadtzentrum wird repariert und neu gebaut. Das wird einmal schön. Vorerst ist es in Waldai einfach normal und schön.

In der Stadt der Kanäle, Wyschni Wolotschok, suchten wir den schönsten Kanal, den uns eine junge einfach gestrickte Mutter zeigte. Wir übernachteten in der Nähe, am Ufer der Twerza, wo der Wald die Herrschaft an den Fluss abtritt.

28. August

Torschok. Foto: Frank Gaudlitz
Torschok. Fotos: Frank Gaudlitz
Torschok
Fotos: Frank Gaudlitz

Nach Torshok kamen wir an einem sonnigen Morgen. Die Twerza bildet an dieser Stelle einen raffinierten 3D-Hintergrund, vor dem die Stadt erscheint. Ohne die Umgebung zu beachten, strebten wird dem Stadtzentrum, wo uns an jeder Wegbiegung neue Schönheiten erfreuten. Torshok ist wunderbar! Über die Altstadtsträßchen rollen wir auf die Brücke über die Twerza. Hier eröffnet sich im Schmuck der weißen Gebäude die natürliche Grundlage der Schönheit der Stadt in ihrer ganzen Pracht.

Nach einer Stunde Fahrt ohne Eile liegt Twer vor uns, die große Stadt mit ebenfalls weißem Zentrum, an den Ufern der Wolga und der Twerza.

In der Umgebung gibt es viele Datschensiedlungen, so dass die Wälder an diesem Samstag voll von Menschen und Autos waren.

Jaropolez. Foto: Frank Gaudlitz
Jaropolez
Foto: Frank Gaudlitz

Im Dorf Jaropolez am Fluss Lama, unweit der Stadt Wolokolamsk, nähern wir uns der Staumauer des alten Elektrizitätswerks. Die Staumauer bildet einen Halbkreis und sieht von oben wunderschön aus. Ein-zwei Dutzend Menschen, vorwiegend Wochenendhäusler aus Moskau, waren gekommen, um das herabstürzende Wasser zu betrachten. Am Himmel surrte ein Quadrocopter.

Nicht weit entfernt ist der Ort Kaschino, wo im Jahr 1920 das erste ländliche Elekrizitätswerk Russlands gebaut wurde. Zur Eröffnung war Lenin anwesend, der den Bau finanziell unterstützt hatte. Nach Beendigung des Betriebs wurde das Kraftwerk zum Museum. Im Ort gab es auch eine Lenin-Museum. Beide befinden sich in einem seltsamen Zustand. Wir schauten durch das geschlossene Fenster des hölzernen Kraftwerksgebäudes, in dem im Halbdunkel ein alter Dieselmotor zu sehen ist.

Unsere Raststelle liegt am Ufer der Rusa im Schachowsker Bezirk. Der Tag war ganz von Flüssen geprägt.

29. August

Morgens waren wir Richtung Moskau aufgebrochen. Nach einer halben Stunde fühlte sich das Lenkrad betonhart an. Der Keilriemen hatte sich in schmale Streifen zerlegt. Mit Mühe fanden wir eine funktionierende Werkstatt und riefen einen Schlepper, der uns mit dem „Patrioten“ in die Ortschaft Lotoschino brachte. Der KFZ-Meister tauschte den Keilriemen aus, aber – und das wurde erst später klar – er beseitigte nicht die Ursache.

Wir fuhren durch die Ortschaft. An einer Straßenkreuzung stand auf einem hohen Granitsockel eine Büste. Namenlos und mit Mühe erkennbar an den Haarwirbeln, nicht aber am Gesicht. Zwei junge etwa achtzehnjährige Mädchen sitzen auf der Schaukel daneben.

„Das ist Lenin“, – sagen sie.

„Aber Lenin war doch kahl!“

Die Mädchen fingen an, auf ihren Handys zu suchen.

„Nicht nötig, Ihr braucht nicht zu suchen. Kirow muss man nicht kennen, aber wie kann es sein, dass ihr nicht wisst, wie Lenin aussieht?!“

Der Weg führte nach Moskau. Nach 80 Kilometern fing der Keilriemen wieder an sich zu zerlegen. In langsamem Tempo schafften wir es bis Nowopetrowskoje, wo wir beim Autoservice mit dem Meister Ruslan einen Reparaturtermin für den nächsten Morgen verabreden konnten.

Aleksandr Sologubov (links) beim Autoservice mit Meister Ruslan und seinen Kollegen. Foto: Frank Gaudlitz
Aleksandr Sologubov (links) beim Autoservice in Nowopetrowskoje mit Meister Ruslan und seinen Kollegen
Foto: Frank Gaudlitz

Wir übernachteten an Ort und Stelle, im Industriegebiet unweit der Rigaer Chaussee. Bis früh morgens rumpelte die Eisenbahn und heulten die Automotoren auf der Chaussee.

30. August

Von früh an regnet es nicht stark, aber beständig. Der lehmige Boden, auf dem der Wagen abgestellt war, wurde zu Schlamm.

Die bedächtig ausgeführte Reparatur, die der Ursache auf den Grund ging, dauerte fünf Stunden. Gegen Ende des Arbeitstages fuhren wir zu unserer Raststelle in Balaschicha bei Moskau.

31. August

Nowoje Ismailowa. Foto: Frank Gaudlitz
Nowoje Ismailowa
Foto: Frank Gaudlitz

Wir besuchten einen typisches Neubaugebiet unweit der Moskauer Umgehungsautobahn MKAD, mit dem kommerziellen Namen „Neu-Ismailowo“. Mit Ismailowo, dem Moskauer Stadtbezirk, hat das Neubaugebiet in Balaschicha nichts zu tun, aber unter diesem Namen lassen sich die Wohnungen teurer verkaufen.

Ein unmenschlicher Ort. Eng beieinander stehen die zwanzig-geschossigen Häuser. Die Eingänge ähneln den Einfluglöchern von Bienenstöcken, darüber die meterhohen Ziffern der Hausnummern. Die schachtartigen Höfe sind sogar tagsüber dicht zugestellt mit Autos. Die Parkplätze nehmen den Großteil der Hoffläche ein. Viel Asphalt und wenig Gras. Bäumchen, die ein paar Jahre alt sind. Müllcontainer, die an dem heißen Tag übel riechen. Darum herum bewegen sich Gastarbeiter aus Mittelasien und Müllautos. Den verbleibenden Platz nehmen Kinderspielplätze ein mit Fitness- und Spielgeräten aus Metall und grellbuntem Kunststoff.

Kleine Geschäfte und Firmen in den Erdgeschossen der Hochhäuser: eine Bäckerei, eine Versicherungsvertretung, Apotheken, Gerätereparaturwerkstätten, Lebensmittelläden (wem die 500 Meter zum Supermarkt zu weit sind, kann in einem Minimarkt neben der Haustür einkaufen). Wo die Häuser ein bisschen weiter auseinander treten, findet ein Einkaufs- und Unterhaltungszentrum seinen Platz.

Hier fahren die jungen Mütter ihre Babys in Kinderwagen an die frische Luft. Die größeren Kinder vertreiben ihre Zeit auf den Spielplätzen. Bewohner führen ihre Hunde spazieren. Man kann zahlreiche Attribute menschlichen Lebens erkennen, doch alles ist sehr verdichtet, wie die Teilchen im Inneren eines Neutronensterns.

Es ist fast Mittag und wir sehen wenig Menschen. Die meisten Bewohner der Hochhäuser haben ihre Übernachtungsorte verlassen und den Arbeitstag (in der Hauptstadt) begonnen. Abends fließt der Strom der Heimkehrer im eigenen Auto zurück und füllt die Hofschächte und die Umgebung. Danach Abendessen und Nachtruhe, gefolgt von einem neuen Tag, der sich von den übrigen nur durch das Wetter unterscheidet.

Mache wohnen hier zur Miete, doch viele haben sich hier Eigentum gekauft, indem sie bewusst noch während der Bauphase investiert haben, und wohnen jetzt hier. Ihr Motiv ist die Nähe zu Moskau.

Weiter fuhren wir von Neu-Ismailowo durch jenen Teil von Balaschicha, der an Reutowo grenzt, und wo die Straßen „Linien“ heißen und durchnummeriert sind: Erste, zweite, dritte, …, dreizehnte Linie usw. Das sind Privatgrundstücke mit vielfältiger Bebauung unterschiedlicher Zeiten, umgeben von hohen Zäunen. Ein Panoptikum, ein Museum, ein Wohnort mit seinen Problemen, aber ganz anderen als in den eben gesehenen Menschenbatterien.

Der Tag hatte in Balaschicha begonnen und er endete hier auch.

Aus dem Russischen von Klaus Harer, Deutsches Kulturforum östliches Europa

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